„Wenn sie dich irgendwie bewegen, dann sind sie gut.“ Ein Gespräch mit Kirstin zu Hohenlohe

Kirstin zu Hohenlohe ist Sozial- und Kulturanthropologin, Kuratorin und Sammlerin brasilianischer Möbel. Sie spricht über Heimat als körperliches Gefühl, über eine Kultur, die sie tief geprägt hat, und über ein Haus in Dahlem, das mit einem Baum begann.

Kirstin, du hast dich wissenschaftlich sehr intensiv mit dem Begriff Heimat auseinandergesetzt. Was hat dich zu diesem Thema geführt?
Meine Promotion. Ich habe von 1998 bis 2001 in einer muslimischen Gemeinde in Athen geforscht. Griechenland und Muslime, das ist ein Oxymoron, historisch und politisch tief konnotiert. Als Kulturanthropologin war ich beauftragt, diese Menschen zu verstehen. Und da ging es natürlich auch um Heimat. Als Ethnologin bist du immer in der Selbstreflexion. Also habe ich mich gefragt: Was bedeutet Deutsch-Sein für mich? Was den Muslim vom Orthodoxen unterschied, war in erster Linie, wie das Zuhause eingerichtet war. Ob man auf dem Boden aß und viele Teppiche lagen, oder ob es ein Kinderzimmer gab mit Bett und Esstisch. Das war von ihren kulturellen Normen und Ansprüchen unterschiedlich. Bei vielen muslimischen Familien gehörte es einfach dazu, auf dem Boden zu sitzen, und wurde so Teil ihrer Identität. Wir können heute auch wissenschaftlich nachweisen, dass das Gehirn durch den ganzen Körper lernt. Wie meine Familie lebt, wie ich sitze, wie ich eingerichtet bin, all das prägt mich und wird zu Heimat – natürlich auch Geschmack, Geräusch und Geruch. Aber Kultur ist immer fluide. Wenn man einen Kern von kultureller Prägung ausmachen möchte, dann sind es unsere Körper, die sich ja auch ständig verändern und anpassen müssen und das geschieht auch eher unbewusst.

Deine Sammlung brasilianischer Möbel verbindet ein Land, mit dem du sprachlich und akademisch eng verbunden bist, mit deinem Alltag in Berlin. Kann dieser Heimat-Kern also wachsen, durch das Sammeln und Erweitern in dir drin?
Das ist schön ausgedrückt. Die brasilianische Kultur ist eine Kultur, die mit mir als Mensch stark resoniert. Ich bin sehr verliebt in das Design, in die Atmosphäre. Auch die Musik macht mich immer glücklich. Mein Mann ist in Brasilien geboren, er identifiziert sich selbst gar nicht so stark mit der Kultur. Aber wir haben gemeinsam viel Zeit dort verbracht und meine Liebe dahin hat ihn das Land anders sehen lassen. Er hat, bevor wir verheiratet waren, angefangen, brasilianische Kunst zu kaufen. Dann habe ich das brasilianische Design und die Möbel entdeckt und dann haben wir gemeinsam gekauft. Irgendwann hatten wir so vieles, dass wir gesagt haben: In das Haus, in dem wir jetzt wohnen, machen wir nur noch Brasilianisches. Weil es ein Design ist, das hier noch nicht so bekannt ist. Es hat aber auch die Ursprünge in Europa, denn das waren überwiegend europäische Migranten, die nach Brasilien kamen und die Bauhaus-Ideologie mitnahmen und mit den tropischen Hölzern und dem Tropicalismo verbanden. Auch durch indigene Einflüsse sind die Designs entstanden. Das siehst du deutlich an dem Jean Gillon Stuhl, der eigentlich eine Hängematte ist.

Gibt es einen Ort für dich, der eindeutig Heimat ist?
Im Wesen bin ich sehr deutsch. Ich liebe gutes Brot und es fällt mir wahnsinnig schwer, wenn in Brasilien gesagt wird, wir treffen uns um fünf, zu wissen, dass ich dann eigentlich erst um neun erscheine. Dieses Zeitgefühl und gewisse Normen, die dem Deutschsein zugeordnet werden, die habe ich sehr in mir drin. Das Wort Heimat ist heutzutage überbewertet. Wir tragen unsere Heimat in uns und werden immer dazu tendieren, wenn wir können, uns so einzurichten, dass wir uns wohlfühlen. Dann kann es zur Heimat werden. Im Wesen sind Menschen Migranten und wir tun immer so, als sei man irgendwo fest. Die Familie meines Mannes ist sehr kulturell gemischt. Die Großmutter war jüdische Russin, Jewish Diaspora, und dann kommt noch mehr dazu. Das gibt uns keine Heimat, die man klar benennen kann. Außer da, wo wir sind. Aber wir können uns immer eine machen.

Wenn du nur ein Möbelstück mitnehmen dürftest, welches wäre das?
Wer mich kennt, weiß, ich würde immer die Hängematte mitnehmen. Sobald eine Hängematte irgendwo hängt, bin ich sehr glücklich. Und dieser Jean Gillon Stuhl mit dem Pouf, der der Hängematte sehr ähnlich ist, den finde ich auch wahnsinnig gemütlich. Das wären die zwei Möbelstücke, die wir auf jeden Fall mitnehmen würden. Die sind allerdings auch sehr raumgreifend.

Gibt es Dinge, die dir beim Sammeln wichtig sind? Material, Gefühl, Haltung?
Bestimmt. Wobei sich das ändert. Geschmack verändert sich mit Bildung und mit Wissen. Je mehr ich über Dinge weiß, desto mehr findet ich plötzlich Stücke spannend, die ich früher gar nicht schön fand. Ich würde gerne mehr kuratieren. Bisher habe ich noch nicht mit Möbeln außerhalb meines Zuhauses kuratiert, aber ich würde sehr gerne mal eine Ausstellung über Möbel machen in Verbindung mit Kunst. Wenn man sich in brasilianischer Kultur auskennt, dann ist unser Haus ein sehr typisches São-Paulo-Sammlerhaus. Man könnte auch in São Paulo in eine Wohnung eines Sammlers gehen und würde ähnliche Möbel und ähnliche Kunst finden. Es ist schon so ein Kanon. Natürlich ist es amüsant, diesen Kanon in Deutschland zu reproduzieren. Letztes Jahr hatten wir einen Empfang bei uns im Haus mit lauter Brasilianern. Die haben sich sehr zu Hause gefühlt. Die Materialien wechseln. Menschen verändert ihren Geschmack im Leben. Manchmal sehe ich etwas und findet es nicht schön und mit Abstand findet ich es schön. Möbel sind wie gute Kunst. Die richtig guten Stücke gefallen ja nicht unbedingt sofort. Es ist Abstand und Überlegen. Dann bewegt es und lässt nicht los. Wenn sie dich irgendwie bewegen, dann sind sie gut.

Magst du noch etwas über euer Haus erzählen?
Das Haus haben wir 2013 gebaut. Wir haben uns wegen eines uralten Baums in dieses Grundstück verliebt. Der Makler sprach davon, wie aus Versehen ein Bagger dagegen fahren könnte. Das Grundstück war durch ihn nicht gut verkäuflich. Der Baum steht unter Naturschutz und daher ist kein Platz für ein großes Haus. Für Investoren war das Grundstück aus diesem Grund nicht interessant. Wir haben diesen Baum gesehen und ich habe zu meinem Mann auf dem Heimweg gesagt: „Wir müssen das Grundstück sofort kaufen. Wir müssen diesen Baum retten.” Vierundzwanzig Stunden später haben wir ein Angebot gemacht, es wurde angenommen. Wir kannten Barkow Leibinger Architekten, das sind unheimlich tolle Architekten, und ich habe einfach angerufen und gefragt: „Würdet ihr auch ein Haus bauen?” Sie haben ja gesagt. Mittlerweile sind sie sehr gute Freunde von uns. Wir haben ihnen gesagt: „Den Baum wollen wir aus jeder Ecke sehen. Wir wollen Licht und Fenster.” Im Anschluss haben sie Entwürfe gestaltet, wir haben sie besprochen und irgendwann war es dieses Haus. Ich finde, es ist wie ein kleiner geschliffener Diamant, weil es sich nach vorne auffächert und nach hinten verengt. Es kommt jeder rein und fühlt sich wohl. Wir sind dort glücklich. Man muss vielleicht auch mal weiterziehen, aber das Haus wird immer Teil von uns sein. Da haben wir uns eine Heimat geschaffen.

 
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